Ratgeber · Geldanlage

Depot umschichten vor der Rente: ab wann — und wie viel?

Kurz vor dem Ruhestand taucht bei fast jedem dieselbe Frage auf: Muss ich mein Depot jetzt sicherer machen? Die gängigen Faustregeln geben darauf eine erstaunlich schlechte Antwort — weil sie die falsche Größe messen.

„100 minus Lebensalter“ — und warum die Regel in die Irre führt

Die bekannteste Faustregel der Altersvorsorge lautet: 100 minus Lebensalter ergibt die Aktienquote. Mit 40 also 60 Prozent Aktien, mit 70 nur noch 30. Die Regel ist eingängig, sie ist alt — und sie stammt aus einer Zeit, in der zwei Dinge anders waren: Die Lebenserwartung war deutlich kürzer, und sichere Anlagen warfen Zinsen ab, von denen man tatsächlich leben konnte.

Vor allem aber misst sie die falsche Größe. Nicht dein Alter bestimmt deinen Anlagehorizont, sondern der Zeitpunkt, an dem du das Geld brauchst. Wer mit 67 in Rente geht und 90 wird, hat für den letzten Teil seines Depots noch über 20 Jahre Horizont — länger als mancher 45-Jährige, der in zehn Jahren ein Haus anzahlen will. Ein Depot zum Rentenbeginn komplett „sicher“ zu stellen, tauscht deshalb keine Schwankung gegen Sicherheit. Es tauscht Schwankung gegen den sicheren, langsamen Verlust an Kaufkraft — bei einer Entnahmedauer von zwei oder drei Jahrzehnten ist das kein Randthema.

Das heißt nicht, dass am Ruhestand nichts zu tun wäre. Es heißt nur, dass eine einzelne Prozentzahl die Frage nicht beantwortet.

Der Denkfehler: Umschichten ist kein Schalter

In den meisten Köpfen ist Umschichten ein Ereignis: ein Tag X kurz vor dem Rentenbeginn, an dem das Depot umgebaut wird. Praktisch ist es eher ein Übergang, der sich über Jahre zieht — im Fachjargon ein Glidepath, also ein gleitender Pfad, auf dem der schwankungsanfällige Anteil schrittweise sinkt, statt in einem Schritt.

Der Vorteil liegt weniger in der Mathematik als in der Abhängigkeit vom Zufall: Wer alles an einem Datum umbaut, macht das Ergebnis von genau diesem Datum abhängig. Wer den Übergang über mehrere Jahre verteilt, streut diesen Zeitpunkt — und behält die Möglichkeit, unterwegs nachzujustieren, wenn sich Pläne ändern.

Die zweite, aus meiner Sicht oft bessere Denkweise arbeitet gar nicht mit einer Gesamtquote, sondern mit Töpfen nach Zeithorizont: Geld für die nächsten Jahre, Geld für die mittlere Frist, Geld für die zweite Hälfte des Ruhestands. Jeder Topf bekommt die Struktur, die zu seinem Horizont passt — und die Gesamtquote ist dann nur noch das rechnerische Ergebnis, nicht die Vorgabe. Wie der kurzfristige Topf dimensioniert wird, steht ausführlich im Artikel zur Liquiditätsreserve im Ruhestand.

Warum überhaupt umschichten: das Renditereihenfolge-Risiko

Der eigentliche Grund ist nicht, dass Aktien im Alter riskanter würden — das tun sie nicht. Der Grund ist, dass ein Einbruch dich in der Entnahmephase anders trifft als in der Ansparphase. Solange du einzahlst, kaufst du im Rückgang günstiger nach; er arbeitet für dich. Sobald du entnimmst, verkaufst du im Rückgang Anteile, die du nie wieder zurückbekommst — dasselbe Depot erholt sich danach von einer kleineren Basis. Deshalb entscheidet nicht nur, welche Durchschnittsrendite über 25 Jahre herauskommt, sondern in welcher Reihenfolge die guten und die schlechten Jahre kommen. Dieser Effekt heißt Renditereihenfolge-Risiko und ist der sachliche Kern hinter der ganzen Umschichtungsdebatte.

Wer das verstanden hat, stellt die Frage anders. Nicht mehr: „Wie viel Aktien darf ich mit 65 noch haben?“ Sondern: „Wie stelle ich sicher, dass ich in einem schlechten Börsenjahr nicht gezwungen bin, zu verkaufen?“

Aus der Praxis: Wer eine sichtbare Reserve für die nächsten Jahre hat, hält Rückschläge deutlich ruhiger aus als jemand mit demselben Depot ohne diesen Puffer. Die Struktur ist identisch — was sich ändert, ist die Notwendigkeit, im schlechtesten Moment verkaufen zu müssen. Die meisten Fehler in der Entnahmephase entstehen nicht aus falschen Quoten, sondern aus Handlungsdruck.

Wann anfangen — und woran du es festmachst

Der sinnvolle Bezugspunkt ist nicht dein Geburtsdatum, sondern der Abstand zum ersten Euro, den du tatsächlich aus dem Depot entnimmst. Bei manchen fällt das mit dem Rentenbeginn zusammen; bei vielen liegt es Jahre später, weil erst betriebliche Renten, Mieteinnahmen oder ein Teilzeiteinkommen greifen — oder Jahre früher, wenn vorzeitig aufgehört wird.

In der Praxis wird der Übergang meist über eine Spanne von einigen Jahren vor der ersten Entnahme geplant, nicht über Monate. Der Grund ist banal und hat wenig mit Kapitalmarkt zu tun: Steuern und Verkäufe lassen sich über mehrere Kalenderjahre verteilen, und die Planung braucht Zeit, weil in dieser Phase ohnehin einiges zu klären ist. Eine feste Jahreszahl als Empfehlung wäre unseriös — sie hängt davon ab, wie hoch der Anteil deiner laufenden Einkünfte an deinem Bedarf ist. Wer seine Fixkosten bereits aus gesetzlicher und betrieblicher Rente deckt, braucht einen ganz anderen Übergang als jemand, der einen großen Teil aus dem Depot ziehen muss.

Was in dieser Zeit sinnvollerweise passiert:

  • Bedarf beziffern: Was kostet dein Leben im Ruhestand, und wie viel bleibt nach den laufenden Renten offen? Der Einstieg dazu steht unter Rentenlücke berechnen.
  • Einkunftsquellen sortieren: Was kommt wann, in welcher Höhe, wie lange — und was davon ist garantiert, was schwankt?
  • Reserve aufbauen: der Puffer, aus dem in schlechten Jahren entnommen wird, statt aus dem schwankenden Teil.
  • Regeln festlegen: Woraus wird entnommen, wann wird nachgefüllt, was passiert bei einem Einbruch von 30 Prozent? Regeln, die vorher stehen, halten unter Stress besser als Entscheidungen im Moment.

Was beim Umschichten oft übersehen wird

  • Steuern. Umschichten heißt verkaufen, und Verkaufen löst Abgeltungsteuer auf die aufgelaufenen Gewinne aus — 25 Prozent plus Solidaritätszuschlag, bei Aktienfonds nach Teilfreistellung von 30 Prozent. Ein Depot in einem Zug umzubauen kann deshalb spürbar teuer werden; über mehrere Jahre verteilt und unter Nutzung des Sparerpauschbetrags von 1.000 Euro je Person, bei Zusammenveranlagung 2.000 Euro, sieht die Rechnung anders aus. Die Mechanik im Detail steht unter ETF-Entnahmeplan und Steuern. Das ist allgemeine Information, keine Steuerberatung.
  • Kosten und Spreads. Jeder Verkauf und jeder Neukauf kostet Ordergebühren und die Differenz zwischen An- und Verkaufskurs. Bei wenig gehandelten Positionen oder außerhalb der Haupthandelszeiten fällt das stärker ins Gewicht, als die Ordergebühr vermuten lässt.
  • Klumpenrisiken, die erst beim Umbau sichtbar werden. Häufig zeigt sich beim Sortieren, dass mehrere Positionen dieselbe Wette sind — oder dass der vermeintlich sichere Teil längst nicht so eigenständig läuft wie gedacht. Wie so ein Durchleuchten abläuft, steht im Artikel zur Depotanalyse.
  • Alte Verträge, die zeitgleich fällig werden. Kapitallebensversicherungen, Auszahlpläne, Bausparverträge: Wenn davon mehrere zufällig im selben Jahr fällig sind, entsteht ein Klumpen, den niemand geplant hat — nachzulesen unter Lebensversicherung kündigen oder behalten. Und wenn du in dieser Phase ohnehin alles sortierst: Was mit dem Depot im Todesfall passiert, gehört fachlich daneben — dazu Depot vererben.
  • Umschichten ersetzt keinen Entnahmeplan. Eine andere Struktur beantwortet nicht die Frage, wie viel du monatlich entnimmst und woher. Ohne diese Regel ist auch das bestsortierte Depot nur ein Depot.

Eine konkrete Zielallokation gehört an dieser Stelle bewusst nicht hin. Es gibt keine Quote, die für alle passt — und Markt-Timing, also das Warten auf den „richtigen“ Moment zum Umbau, ist keine Strategie, sondern eine Wette. Was es gibt, sind die Fragen, an denen sich die Antwort entscheidet: Wie hoch ist dein ungedeckter Bedarf, wie lange muss das Geld reichen, wie viele Jahre kannst du überbrücken, ohne den schwankenden Teil anzufassen — und was hältst du im Ernstfall wirklich aus? Wenn du dafür eine erste Orientierung willst: Der Ruhestands-Cashflow-Check rechnet in rund drei Minuten Lücke, Reichweite deiner Reserve und die größten Planungslücken durch, kostenlos und ohne exakte Vermögensangabe. Wie eine Depotstruktur daraus abgeleitet wird, zeigen wir unter Depot-Struktur — gemeinsam am konkreten Fall, nicht nach Schema.

Häufige Fragen

Wie viel Aktienanteil ist mit 60 noch sinnvoll?

Die Frage lässt sich über das Alter nicht beantworten — sie wird erst über den Zeithorizont entscheidbar. Sinnvoller ist die Rückfrage: Welcher Teil deines Vermögens wird in den nächsten fünf Jahren gebraucht, welcher Teil erst in fünfzehn oder zwanzig? Für das kurzfristige Geld ist Schwankung ein echtes Risiko, für das langfristige Geld ist es vor allem eine Zumutung, die man aushalten muss. Zwei Menschen mit demselben Geburtsjahr können deshalb völlig unterschiedliche Antworten haben — je nachdem, wie hoch ihre laufenden Renten sind, wie viel sie tatsächlich entnehmen müssen und wie sie mit Rückschlägen umgehen.

Sollte ich vor dem Rentenbeginn alles auf einmal umschichten?

Ein Umbau in einem Zug macht das Ergebnis von einem einzigen Datum abhängig — und löst Steuern und Kosten gebündelt aus. Der Übergang über mehrere Jahre ist in der Regel die ruhigere Variante: Er verteilt den Zeitpunkt, nutzt den Sparerpauschbetrag mehrfach und lässt Raum, die Planung zwischendurch anzupassen. Wichtig ist weniger die Geschwindigkeit als die Regel dahinter: Was wird wann und woraufhin verschoben, ohne Rücksicht darauf, wie die Märkte gerade stehen.

Löst Umschichten Steuern aus?

In der Regel ja. Umschichten heißt verkaufen, und ein Verkauf im Privatdepot löst Abgeltungsteuer auf die aufgelaufenen Kursgewinne aus — 25 Prozent zuzüglich Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer, bei Aktienfonds nach Abzug der Teilfreistellung von 30 Prozent. Der Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro je Person, bei Zusammenveranlagung 2.000 Euro, gilt pro Jahr und lässt sich über mehrere Jahre mehrfach nutzen. Das ist allgemeine Information und keine Steuerberatung — für deinen Fall ist der Steuerberater zuständig.

Christopher Hellermann
Christopher Hellermann Zertifizierter Finanzanlagenfachmann · Kaufmann für Versicherungen & Finanzen · Geschäftsführer der Hellermann Asset Management GmbH. Bekannt aus über 150 YouTube-Videos zu Finanzthemen.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information (Stand: August 2026) und ersetzt keine individuelle Anlage- oder Steuerberatung. Die Wertentwicklung von Wertpapieren unterliegt Marktschwankungen; Verluste sind möglich. Steuerliche Angaben sind allgemein gehalten und hängen von deiner persönlichen Situation ab — für die Beurteilung deines Falls sind Steuerberater oder Finanzamt zuständig.

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