Ratgeber · Ruhestandsplanung

Rentenlücke berechnen: so ermittelst du deinen echten Bedarf

Fast jede Rentenlücken-Rechnung, die ich sehe, ist zu optimistisch — und zwar aus demselben Grund: Sie stellt eine Bruttorente Nettoausgaben gegenüber. So rechnest du es sauber: in vier Schritten, mit Steuern, Sozialabgaben und Kaufkraftverlust.

Der Denkfehler, der fast jede Rechnung ruiniert

Einmal im Jahr kommt die Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung ins Haus. Darauf steht ein Betrag, der sich erstaunlich ordentlich liest. Viele nehmen diese Zahl, ziehen davon ihre heutigen monatlichen Ausgaben ab und atmen auf: „So schlimm ist die Lücke gar nicht."

Das Problem: Der Betrag auf der Renteninformation ist eine Bruttogröße. Was du am Monatsende auf dem Konto hast, ist deutlich weniger. Drei Dinge gehen noch ab:

  • Krankenversicherung der Rentner: Auf die gesetzliche Rente werden Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung fällig. Bei der Krankenversicherung trägt die Rentenversicherung einen Teil mit, den Pflegebeitrag zahlst du allein.
  • Einkommensteuer: Die gesetzliche Rente ist steuerpflichtig. Nicht in voller Höhe, aber zu einem Anteil, der feststeht, sobald deine Rente beginnt.
  • Alles, was daneben liegt: Betriebsrenten, Mieteinnahmen und Kapitalerträge erhöhen dein zu versteuerndes Einkommen — und damit den Steuersatz auf alles andere.

Die Mechanik hinter der Besteuerung heißt nachgelagerte Besteuerung: Während des Erwerbslebens sind Rentenbeiträge zunehmend steuerlich absetzbar, dafür wird die spätere Rente besteuert. Wie viel davon steuerpflichtig ist, richtet sich nach dem Kohortenprinzip — entscheidend ist das Jahr, in dem deine Rente beginnt. Dieser Besteuerungsanteil steigt jahrgangsweise an; wer später in Rente geht, versteuert einen größeren Teil. Einmal festgelegt, bleibt er für dich dauerhaft gleich, spätere Rentenerhöhungen sind aber voll steuerpflichtig. Den für deinen Jahrgang geltenden Wert legt der Gesetzgeber fest — schau ihn für dein Rentenjahr aktuell nach, statt mit einer Faustzahl zu rechnen.

Das ist allgemeine Information und keine Steuerberatung: Was am Ende bei dir bleibt, hängt von deiner persönlichen Steuersituation ab.

In vier Schritten zur echten Rentenlücke

1. Was brauchst du monatlich?

Fang bei den Ausgaben an, nicht bei der Rente. Trenne dabei zwei Ebenen: den notwendigen Bedarf (Wohnen, Nebenkosten, Versicherungen, Lebensmittel, Mobilität, Gesundheit) und den gewünschten Lebensstandard (Reisen, Hobbys, Restaurant, Geschenke, Unterstützung für Kinder oder Enkel). Die erste Zahl sagt dir, was abgesichert sein muss. Die zweite sagt dir, worüber du reden willst.

Der verbreitete Trugschluss lautet: „Im Ruhestand brauche ich sowieso weniger." Manches fällt tatsächlich weg — Pendeln, Berufskleidung, oft die Beiträge zur Altersvorsorge, irgendwann die Immobilienrate. Aber vieles sinkt weniger als gedacht, und einiges steigt:

  • Gesundheit: Zuzahlungen, Zahnersatz, Brille, Physiotherapie, später eventuell Pflegeleistungen.
  • Die ersten Ruhestandsjahre sind oft die teuersten: mehr Zeit heißt mehr Reisen, mehr Unternehmungen, mehr Konsum — nicht weniger.
  • Immobilie: Ist die Rate weg, bleiben Grundsteuer, Versicherung und Instandhaltung. Heizung, Dach oder Bad kommen als Einmalposten dazu.
  • Auto: Es wird seltener gefahren, aber irgendwann trotzdem ersetzt.

Wenn du keine saubere Übersicht hast: Nimm die Kontoauszüge der letzten zwölf Monate. Das ist unbequemer als eine Schätzung und um Größenordnungen genauer.

2. Was kommt sicher rein?

Auf die Einnahmenseite gehört nur, was planbar fließt — jeweils nach Abgaben und Steuern:

  • Gesetzliche Rente netto: Bruttobetrag aus der Renteninformation, abzüglich Kranken- und Pflegeversicherung, abzüglich Steuer auf den steuerpflichtigen Anteil.
  • Betriebsrente: Achtung, das ist der am häufigsten überschätzte Posten. Auf Versorgungsbezüge zahlen gesetzlich Krankenversicherte in der Regel den vollen Kranken- und Pflegeversicherungsbeitrag selbst — es gibt einen Freibetrag, oberhalb dessen aber kein Arbeitgeberanteil mehr mitträgt. Aus einer schön aussehenden Betriebsrente wird netto spürbar weniger.
  • Private Renten: je nach Vertragsform unterschiedlich besteuert — bei lebenslangen privaten Renten meist nur der Ertragsanteil.
  • Mieteinnahmen: nach Instandhaltungsrücklage, Verwaltung, Mietausfallrisiko und Steuer.

Was hier nicht hingehört: dein Depotvermögen. Ein Depot ist Kapital, kein Einkommen. Was es monatlich tragen kann, ist eine eigene Frage — dazu gleich mehr.

3. Die Differenz ist deine Rentenlücke

Bedarf minus planbare Einnahmen. Diese Zahl ist der Betrag, den dein Vermögen jeden Monat liefern muss. Rechne sie zweimal: einmal für den notwendigen Bedarf, einmal für den gewünschten Lebensstandard. Die erste Zahl ist deine Schmerzgrenze, die zweite dein Ziel.

4. Inflation: die Lücke von heute ist nicht die Lücke in 15 Jahren

Alles bis hierhin ist in heutiger Kaufkraft gerechnet. Wenn dein Ruhestand noch Jahre entfernt ist, brauchst du dieselben Güter später zu höheren Preisen. Der Mechanismus dahinter ist simpel und unerbittlich: Steigen die Preise, kauft derselbe Betrag weniger. Über zwei Jahrzehnte verschiebt das die Größenordnung deutlich — und zwar gleich, wie hoch die Teuerung am Ende tatsächlich ausfällt. Welche Rate kommt, weiß niemand, und ich prognostiziere sie hier ausdrücklich nicht. Was du tun kannst: Rechne deine Lücke mit mehreren angenommenen Raten durch und schau dir an, wie weit die Ergebnisse auseinanderliegen. Genau diese Spannbreite ist die relevante Information — nicht ein einzelner Punktwert.

Und die Renten selbst? Die gesetzliche Rente wird regelmäßig angepasst, private Verträge oft nicht oder nur begrenzt. Einen automatischen Inflationsausgleich für dein gesamtes Ruhestandseinkommen gibt es nicht.

Ein Rechenbeispiel — bewusst rund gerechnet

Angenommen, jemand steht kurz vor dem Ruhestand. Alle Zahlen sind frei gewählte Beispielwerte, keine Erwartung und kein Richtwert:

  • Notwendiger Bedarf: 2.400 € im Monat. Gewünschter Lebensstandard inklusive Reisen und Hobbys: 3.000 €.
  • Gesetzliche Rente laut Renteninformation: 1.900 € brutto. Nach Kranken- und Pflegeversicherung sowie Steuer bleiben in diesem Beispiel rechnerisch rund 1.550 €.
  • Betriebsrente: 300 € brutto, nach vollem KV/PV-Beitrag und Steuer im Beispiel rund 230 €.
  • Planbare Einnahmen gesamt: rund 1.780 €.

Die Lücke beträgt damit rechnerisch etwa 620 € gegenüber dem notwendigen Bedarf und rund 1.220 € gegenüber dem gewünschten Lebensstandard. Wer stattdessen 1.900 € brutto gegen 3.000 € Ausgaben gerechnet hätte, wäre bei 1.100 € gelandet und hätte die tatsächliche Lücke um über hundert Euro monatlich unterschätzt — bei einem 25-jährigen Ruhestand summiert sich das erheblich. Auch das ist allgemeine Information und keine Steuerberatung; deine echten Abzüge ermittelt dein Steuerberater oder das Finanzamt.

Aus der Praxis: Die Lücke selbst ist selten das Problem — der Schreck kommt fast immer aus der Differenz zwischen der Zahl, die jemand im Kopf hatte, und der Zahl, die nach Abzügen übrig bleibt. Wer diese Rechnung zehn Jahre vor dem Ruhestand macht, hat noch viele Stellschrauben. Wer sie im Jahr des Rentenbeginns macht, hat vor allem noch eine: weniger ausgeben.

Drei Fehler, die die Rechnung schönen

  • Bruttorente als Nettogröße behandeln. Der häufigste und teuerste Fehler. Kranken- und Pflegeversicherung sowie Steuer sind keine Randnotiz, sondern verändern das Ergebnis substanziell — besonders bei Betriebsrenten.
  • Inflation ignorieren. Wer heute 25.000 € Vermögen zu wenig hat und 15 Jahre bis zum Ruhestand, hat später nicht 25.000 € zu wenig, sondern mehr — weil der Bedarf mitwächst.
  • Einmalausgaben vergessen. Monatliche Budgets decken keine neue Heizung, kein Auto, keinen Zahnersatz und keine Renovierung ab. Diese Posten kommen im Ruhestand nicht seltener, sondern häufiger. Sie gehören als eigener Block in die Planung — und in eine Liquiditätsreserve, damit du dafür nicht ausgerechnet in einer schwachen Börsenphase Anteile verkaufen musst.

Was aus der Lücke folgt

Sobald du deine monatliche Lücke kennst, kippt die Frage von „Wie viel Rente bekomme ich?" zu „Wie viel Kapital trägt diesen Betrag — und wie lange?". Das ist die eigentliche Planungsfrage, und dafür gibt es zwei gängige Denkrichtungen: Entnahme aus dem Kapital, wofür die 4-Prozent-Regel die bekannteste Faustformel liefert, oder Ausschüttungen, also der Versuch, von Dividenden zu leben, ohne die Substanz anzutasten. Beide Wege haben eigene Fallstricke, beide setzen dieselbe Vorarbeit voraus: Du musst wissen, wie groß die Lücke wirklich ist.

Wenn du diese Rechnung nicht mit Tabellenblatt und Renteninformation selbst aufsetzen willst: Der Ruhestands-Cashflow-Check ermittelt genau diese monatliche Lücke als erste von fünf Kennzahlen — 13 Fragen, rund drei Minuten, kostenlos, Ergebnis per E-Mail. Vermögen wird nur in Bändern abgefragt, nie als exakter Betrag; es gibt keine Renditeannahme und keine Anlageempfehlung. Und wenn du danach wissen willst, was die Zahl für dich konkret bedeutet, schauen wir uns das gemeinsam an.

Häufige Fragen

Reicht die Renteninformation der DRV, um meine Rentenlücke zu berechnen?

Als Ausgangspunkt ja, als Ergebnis nein. Die Renteninformation nennt einen Bruttobetrag und rechnet mit deinem bisherigen Verdienstverlauf. Für die Lücke musst du davon noch die Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung der Rentner abziehen und die Einkommensteuer berücksichtigen. Erst dann hast du eine Zahl, die du deinen Ausgaben gegenüberstellen kannst.

Zählt meine Immobilie als Altersvorsorge?

Eine selbst genutzte Immobilie senkt deine Ausgaben, sobald sie abbezahlt ist — sie erzeugt aber kein Einkommen. In der Rechnung gehört sie deshalb auf die Ausgabenseite, nicht auf die Einnahmenseite. Und sie kostet weiter: Grundsteuer, Versicherung, Instandhaltung, irgendwann Heizung oder Dach. Wer die Immobilie als komplette Altersvorsorge verbucht, unterschätzt seine Lücke fast immer.

Wie oft sollte ich die Rechnung aktualisieren?

Einmal im Jahr reicht, am besten wenn die neue Renteninformation kommt. Zusätzlich immer dann, wenn sich etwas Grundlegendes ändert: Gehaltssprung, Teilzeit, Selbstständigkeit, Erbschaft, Immobilienkauf, Trennung. Je näher der Ruhestand rückt, desto genauer wird die Rechnung — und desto weniger Zeit bleibt, an ihr etwas zu ändern.

Christopher Hellermann
Christopher Hellermann Zertifizierter Finanzanlagenfachmann · Kaufmann für Versicherungen & Finanzen · Geschäftsführer der Hellermann Asset Management GmbH. Bekannt aus über 150 YouTube-Videos zu Finanzthemen.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information (Stand: August 2026) und ersetzt keine individuelle Anlage-, Steuer- oder Versicherungsberatung. Alle Rechenbeispiele sind frei gewählte Beispiele und keine Erwartung. Steuerliche Fragen zu deiner persönlichen Situation klärst du mit einem Steuerberater oder dem Finanzamt; Werte, die jährlich neu festgelegt werden, solltest du zum Zeitpunkt deiner Planung aktuell prüfen. Die Wertentwicklung von Wertpapieren unterliegt Marktschwankungen; Verluste sind möglich.

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