Warum die Regel aus der Ansparphase nicht mehr passt
„Drei Nettogehälter" funktioniert im Berufsleben aus einem einfachen Grund: Wenn die Waschmaschine kaputtgeht und der Notgroschen schrumpft, füllt ihn das nächste Gehalt über ein paar Monate von allein wieder auf. Die Reserve regeneriert sich, ohne dass du eine Entscheidung treffen musst.
Im Ruhestand fällt dieser Automatismus weg. Was du entnimmst, kommt aus deinem Vermögen — und wieder aufgefüllt wird der Puffer nur, wenn du dich aktiv dafür entscheidest, dafür etwas zu verkaufen. Aus einer selbstheilenden Reserve wird eine, die du bewusst bewirtschaften musst.
Dazu kommt die zweite, wichtigere Veränderung: Die Reserve schützt jetzt nicht mehr nur vor der kaputten Waschmaschine. Sie schützt davor, in einer schwachen Marktphase verkaufen zu müssen. Wer in einem Rücksetzer Anteile verkauft, um die Miete zu bezahlen, verkauft mehr Anteile für denselben Betrag — und diese Anteile fehlen dauerhaft, auch in der Erholung. Warum das gerade zu Beginn des Ruhestands so schwer wiegt, steht ausführlich im Beitrag zum Renditereihenfolge-Risiko. Der Cash-Puffer ist die direkteste Antwort darauf.
Das Drei-Töpfe-Modell
Statt einer Zahl hilft ein Bild: Dein Vermögen bekommt nicht eine Rendite-Aufgabe, sondern drei Zeit-Aufgaben. Jeder Euro sollte einen Zeitpunkt haben, zu dem er gebraucht wird.
Topf 1 — Tagesgeld und Girokonto: die nächsten Monate
Hier liegt, was du absehbar brauchst: laufende Ausgaben, die nächste Nebenkostenabrechnung, die Versicherungsbeiträge, ein unerwarteter Handwerker. Anforderung: sofort verfügbar, kein Kursrisiko, keine Kündigungsfrist. Der Preis: Kaufkraftverlust. Geld auf dem Tagesgeld verliert real an Wert, wenn die Inflation über der Verzinsung liegt — dieser Topf ist eine bezahlte Versicherung, kein Anlagebaustein.
Topf 2 — planbare mittlere Frist: die Jahre danach
Was du in den nächsten Jahren voraussichtlich entnimmst, muss nicht auf dem Tagesgeld liegen, aber es darf auch nicht voll schwanken. Dieser Topf überbrückt die Zeit, in der sich ein schwaches Marktjahr typischerweise wieder einrenkt, und wird nach und nach in Topf 1 nachgeschoben. Anforderung: überschaubare Schwankung und ein absehbarer Zeitpunkt, zu dem das Geld verfügbar ist.
Topf 3 — Wachstum: der lange Horizont
Der Rest hat die Aufgabe, die Kaufkraft über 20, 25 oder 30 Jahre zu tragen. Genau dieser Teil darf und muss schwanken, weil er der einzige ist, der langfristig gegen die Inflation anarbeiten kann. Er wird nicht angetastet, wenn die Kurse gerade unten stehen — dafür sind Topf 1 und 2 da.
Zwei Klarstellungen dazu. Erstens: Der Sinn des Modells ist nicht Rendite, sondern Zuordnung. Es sorgt dafür, dass keine Ausgabe auf Geld zugreifen muss, das gerade im Minus steht. Zweitens: Eine feste Prozentaufteilung nach dem Muster „so viel in Topf 1, so viel in Topf 3" gibt es hier bewusst nicht. Die Größe der Töpfe ergibt sich aus deinem Bedarf, nicht aus einer Formel. Wie dein Depot dafür strukturiert ist, lässt sich in einer Depotanalyse nüchtern prüfen.
Wie du deine Reserve bemisst
Der häufigste Denkfehler ist, in Euro zu denken. „50.000 € auf dem Tagesgeld" ist keine Information — je nach Lebenshaltung sind das zwei Jahre oder sechs Monate. Denk stattdessen in Monaten notwendiger Ausgaben, und zwar in denen, die dein Depot tatsächlich decken muss. Die Rechnung dahinter ist einfach:
- Schritt 1: notwendige Monatsausgaben — Wohnen, Lebensmittel, Versicherungen, Mobilität, Gesundheit. Nicht das Wunschbudget, sondern das, was ohne Verhandlungsspielraum anfällt.
- Schritt 2: minus planbare monatliche Einkünfte — gesetzliche Rente, Betriebsrente, private Rentenzahlungen, Mieteinnahmen.
- Schritt 3: Was übrig bleibt, ist der ungedeckte Monatsbedarf — nur dieser Betrag muss aus dem Depot kommen, und nur er ist die Bezugsgröße deiner Reserve.
Angenommen, deine notwendigen Ausgaben liegen bei 2.800 € im Monat und deine planbaren Einkünfte bei 2.300 €, dann muss die Reserve nicht 2.800 €, sondern 500 € pro Monat abdecken. Ein Jahr Puffer sind dann 6.000 € statt 33.600 €. Genau deshalb braucht jemand mit hoher gesetzlicher Rente eine viel kleinere Reserve als jemand, der fast alles aus dem Depot zieht — bei identischem Lebensstil. Wenn du diese Lücke noch nicht kennst, ist das der Startpunkt: die Rentenlücke berechnen.
Für mehr Puffer sprechen: ein hoher Depotanteil an deinen Gesamteinkünften, eine Immobilie mit aufgeschobener Instandhaltung, eine selbstständige Erwerbsbiografie ohne große gesetzliche Ansprüche, Beiträge in der privaten Krankenversicherung im Alter, kein zweites Einkommen im Haushalt sowie größere absehbare Einmalausgaben wie ein Autowechsel.
Für weniger Puffer sprechen: hohe planbare Renten, die den Grundbedarf fast vollständig decken, eine schuldenfreie und instandgehaltene Immobilie, ein zweites Einkommen im Haushalt sowie Ausgaben, die du im Ernstfall spürbar zurückfahren könntest, ohne dass es weh tut. Und ganz grundsätzlich: Bevor Geld in Puffer und Depot fließt, sollten die existenziellen Risiken abgesichert sein — die Reihenfolge dahinter erklärt der Beitrag Erst absichern, dann investieren.
Aus der Praxis: Wer seine Reserve zum ersten Mal in Monaten statt in Euro ausrechnet, erlebt fast immer eine Überraschung — in beide Richtungen. Manche stellen fest, dass ihr scheinbar üppiges Tagesgeld nur wenige Monate ungedeckten Bedarf trägt. Andere merken, dass sie mit hoher gesetzlicher Rente seit Jahren ein Vielfaches dessen liquide halten, was sie realistisch brauchen.
Wiederauffüllen — die Regel, die vorher feststehen muss
Der Puffer ist kein Zustand, sondern ein Kreislauf: Er wird geleert und wieder gefüllt. Die entscheidende Frage lautet, wann du aus dem Depot nachfüllst und wann du ihn bewusst schrumpfen lässt. Wenn diese Regel nicht vorher steht, entscheidet sie sich mitten im Rücksetzer — und dann entscheidet nicht dein Plan, sondern dein Bauchgefühl. Erfahrungsgemäß in die falsche Richtung: Man verkauft, weil man Sicherheit will, ausgerechnet dann, wenn Verkaufen am teuersten ist.
Eine solche Regel darf simpel sein, sie muss nur schriftlich existieren. Ein Beispiel, wie sie aussehen kann:
- Einmal im Jahr, zu einem festen Termin — nicht anlassbezogen — schaust du dir den Stand der Reserve an.
- Steht das Depot über deinem festgelegten Referenzwert, füllst du die Reserve wieder auf ihre Zielhöhe in Monaten auf.
- Steht es darunter, entnimmst du in diesem Jahr nichts aus dem Depot und lässt die Reserve schrumpfen — dafür ist sie da.
- Unterschreitet die Reserve eine vorher definierte Untergrenze, ist das dein Signal, das Budget zu prüfen, nicht das Depot zu plündern.
Ob die Referenz ein Depotstand, ein gleitender Durchschnitt oder eine Bandbreite ist, ist zweitrangig. Wichtig ist, dass du dich im Ernstfall an etwas halten kannst, das du in ruhigen Zeiten aufgeschrieben hast.
Zu viel Cash ist auch ein Risiko
Der Puffer hat eine Obergrenze, und die wird häufiger überschritten als die Untergrenze. Wer aus Sorge zehn Jahresausgaben auf dem Tagesgeld hält, hat kein Risiko beseitigt, sondern getauscht: Schwankungsrisiko gegen sicheren Kaufkraftverlust. Bei einem Ruhestand von 25 Jahren und mehr ist das keine sichere Entscheidung — es ist eine, die sich sicher anfühlt. Der Unterschied ist erheblich, weil Inflation leise wirkt: Sie erzeugt keinen Depotauszug, auf dem ein Minus steht, sondern reduziert still, was dein Geld kaufen kann.
Die brauchbare Faustregel ist deshalb keine Zahl, sondern eine Frage: Deckt die Reserve den Zeitraum ab, in dem du keinesfalls verkaufen willst — und keinen Tag mehr? Alles darüber gehört in die Töpfe, die eine Aufgabe haben.
Wenn du das für deine Situation einmal durchgerechnet sehen willst: Der Ruhestands-Cashflow-Check beantwortet in 13 Fragen und rund drei Minuten unter anderem genau diese Frage — Kennzahl 3 ist die Reichweite deiner Liquiditätsreserve in Monaten. Kostenlos, Vermögen nur in Bändern, ohne Renditeannahme und ohne Anlageempfehlung.
Häufige Fragen
Wie viele Monatsausgaben sollte ich im Ruhestand liquide halten?
In der Praxis bewegen sich sinnvolle Reserven meist irgendwo zwischen einem und drei Jahren an ungedecktem Bedarf — aber diese Spanne ist kein Richtwert, sondern nur eine Größenordnung. Entscheidend ist deine Einkunftsstruktur: Wer seine notwendigen Ausgaben fast vollständig aus gesetzlicher Rente, Betriebsrente oder Mieteinnahmen deckt, braucht rechnerisch sehr wenig Puffer. Wer den größten Teil aus dem Depot zieht, braucht deutlich mehr. Eine pauschale Zahl, die für alle passt, gibt es nicht.
Gehört das Tagesgeld zum Depot oder rechne ich es getrennt?
Rechnerisch gehört es dazu, praktisch sollte es getrennt liegen. In der Gesamtbetrachtung ist die Reserve Teil deines Vermögens und senkt automatisch den schwankenden Anteil — das solltest du wissen, sonst hältst du unbemerkt viel defensiver, als du denkst. Auf einem eigenen Konto statt im Verrechnungskonto des Depots ist sie aber besser aufgehoben: Was sichtbar getrennt liegt, wird seltener spontan investiert und im Rücksetzer seltener übersehen.
Was ist mit Festgeld oder kurzlaufenden Anleihen?
Beides kann für den mittleren Topf sinnvoll sein, für den ersten Topf in der Regel nicht. Der erste Topf hat genau eine Aufgabe: jederzeit ohne Kursverlust verfügbar zu sein. Festgeld bindet das Geld für die Laufzeit, und auch kurzlaufende Anleihen schwanken im Wert, wenn du vor Fälligkeit verkaufst. Für Geld, das du erst in zwei bis fünf Jahren brauchst, sind gestaffelte Laufzeiten dagegen eine gängige Lösung. Welche Bausteine zu dir passen, schauen wir uns gemeinsam an.
