Ratgeber · Ruhestandsplanung

Renditereihenfolge-Risiko: warum der Start deines Ruhestands über alles entscheidet

Zwei Depots, dasselbe Startkapital, dieselbe Entnahme und exakt dieselben Jahresrenditen — nur in anderer Reihenfolge. Nach zehn Jahren steht das eine mehr als doppelt so gut da wie das andere. Genau das ist das Renditereihenfolge-Risiko, im Englischen sequence of returns risk.

Der Kern in einem Satz

Solange du einzahlst, ist die Reihenfolge der Renditen egal — am Ende zählt nur, was insgesamt herauskam. Sobald du entnimmst, ist die Reihenfolge entscheidend, und zwar bei völlig identischem Durchschnitt. Der Grund ist banal und trotzdem folgenschwer: Jede Entnahme verändert das Kapital, auf das die nächste Rendite wirkt. Und wer im Minus entnimmt, entnimmt aus einem geschrumpften Depot.

Das ist keine Randnotiz für Optimierer. Es ist der Unterschied zwischen einem Plan, der 30 Jahre trägt, und einem, der nach 15 Jahren kippt — bei exakt denselben Marktjahren.

Das Rechenbeispiel: zwei Depots, dieselben zehn Jahre

Angenommen, zwei Menschen gehen am selben Tag in den Ruhestand. Beide haben 500.000 € im Depot, beide entnehmen zu Jahresbeginn 25.000 €, jedes Jahr gleich viel. Beide erleben exakt dieselben zehn Jahresrenditen:

  • −25 %, −20 %, −5 %, +5 %, +10 %, +10 %, +10 %, +15 %, +20 %, +30 %
  • Der arithmetische Durchschnitt dieser zehn Werte ist 5 % pro Jahr — für beide identisch.
  • Der einzige Unterschied: Depot A erlebt die Reihenfolge von links nach rechts (schwache Jahre zuerst), Depot B von rechts nach links (starke Jahre zuerst).

Zur Einordnung vorweg: Ohne jede Entnahme würden beide Depots nach zehn Jahren exakt gleich dastehen, bei rund 714.600 € — für das Ergebnis einer Kette von Multiplikationen spielt die Reihenfolge keine Rolle. Erst die Entnahme bricht diese Symmetrie.

1. Depot A — die schwachen Jahre zuerst

Gerechnet wird pro Jahr in zwei Schritten: erst die Entnahme abziehen, dann die Rendite auf den Rest anwenden.

  • Jahr 1: 500.000 € − 25.000 € = 475.000 €, davon −25 % → 356.250 €
  • Jahr 2: 356.250 € − 25.000 € = 331.250 €, davon −20 % → 265.000 €
  • Jahr 3: 265.000 € − 25.000 € = 240.000 €, davon −5 % → 228.000 €

Nach drei Jahren ist weniger als die Hälfte des Kapitals übrig, obwohl erst 75.000 € entnommen wurden. Die guten Jahre kommen ja noch — nur wirken sie dann auf ein deutlich kleineres Depot. Nach allen zehn Jahren stehen rund 229.300 €.

2. Depot B — die starken Jahre zuerst

  • Jahr 1: 500.000 € − 25.000 € = 475.000 €, davon +30 % → 617.500 €
  • Jahr 2: 617.500 € − 25.000 € = 592.500 €, davon +20 % → 711.000 €
  • Jahr 3: 711.000 € − 25.000 € = 686.000 €, davon +15 % → 788.900 €

Hier treffen die schwachen Jahre am Ende auf ein Depot, das lange gewachsen ist. Nach allen zehn Jahren stehen rund 511.000 € — mehr als das Doppelte von Depot A, bei identischem Durchschnitt, identischer Entnahme und identischen Marktjahren.

Dieses Beispiel ist bewusst konstruiert, mit runden Zahlen und einer glatten Entnahme. Es enthält keine Renditeerwartung, keine Prognose und keine Aussage darüber, was Kapitalmärkte künftig tun. Es zeigt ausschließlich einen Rechenmechanismus. Und es ist allgemeine Information, keine Anlage- oder Steuerberatung.

Warum der Unterschied entsteht

Die übliche Erklärung lautet „Verluste wiegen schwerer als Gewinne". Das greift zu kurz. Der eigentliche Punkt liegt auf der Anteilsebene: Wenn die Kurse gefallen sind, musst du für dieselben 25.000 € mehr Anteile verkaufen. Diese Anteile sind dauerhaft weg — sie liegen nicht mehr im Depot, wenn die Erholung kommt, und können sich deshalb auch nicht mit erholen.

Verlust und Entnahme wirken also nicht nacheinander, sondern zusammen. Der Kurs erholt sich später vielleicht vollständig, deine Anteilszahl nicht. Genau deshalb ist ein Depot in der Entnahmephase eine andere Sache als dasselbe Depot in der Ansparphase. Was tatsächlich darin liegt und wie stark es schwanken kann, zeigt eine strukturierte Depotanalyse.

Die kritische Phase: kurz vor und kurz nach dem Übergang

Nicht alle Jahre wiegen gleich schwer. Am größten ist der Hebel in den letzten Jahren vor dem Ruhestand und den ersten Jahren danach — aus zwei Gründen, die zusammenfallen:

  • Das Kapital ist am größten. Ein Minus von 25 % kostet auf 500.000 € rechnerisch das Fünffache dessen, was es auf 100.000 € kostet.
  • Die Entnahme beginnt gerade. Verluste treffen auf ein Depot, dem gleichzeitig zum ersten Mal dauerhaft Geld entzogen wird — es gibt keine Sparrate mehr, die gegensteuert.
  • Die Restlaufzeit ist am längsten. Ein Fehlstart wirkt über den gesamten weiteren Ruhestand nach, ein schwaches Jahr mit 85 nur noch über wenige Jahre.

Später kehrt sich das Gewicht um: Wenn der größte Teil des Weges hinter dir liegt, sind schwache Jahre unangenehm, aber deutlich weniger folgenschwer. Deshalb konzentriert sich sinnvolle Vorbereitung auf ein Fenster von wenigen Jahren um den Übergang — nicht auf den gesamten Ruhestand gleichmäßig.

Aus der Praxis: Fast niemand kommt mit der Frage „Wie ist mein Depot für die Entnahmephase aufgestellt?" ins Gespräch. Gefragt wird nach Rendite, Kosten und Fondsauswahl. Die Reihenfolge-Frage taucht meist erst auf, wenn der erste größere Rücksetzer da ist und die Entnahme trotzdem weiterlaufen muss — und dann ist der Handlungsspielraum am kleinsten.

Was dagegen hilft — vier Hebel, jeder mit Preis

Vorweg das Wichtigste: Dieses Risiko lässt sich nicht vermeiden. Niemand weiß vorher, welche Reihenfolge er bekommt, und niemand kann sie beeinflussen. Was sich beeinflussen lässt, ist die Frage, wie hart eine ungünstige Reihenfolge auf deinen Plan durchschlägt. Vier Hebel, alle mit einem ehrlichen Preisschild.

1. Ein Liquiditätspuffer, der Verkäufe im Minus überflüssig macht

Wenn ein bis mehrere Jahresbedarfe außerhalb des schwankenden Depots liegen, musst du in einem schwachen Jahr nicht verkaufen — du lebst aus dem Puffer und lässt die Anteile im Depot. Wie viel das sein sollte und wie du den Puffer wieder auffüllst, steht im Detail im Beitrag zur Liquiditätsreserve im Ruhestand. Der Preis: Dieses Geld arbeitet nicht mit und verliert über die Jahre real an Kaufkraft.

2. Flexible statt starrer Entnahme

Eine feste Rate, die stur weiterläuft, ist genau das, was den Effekt verstärkt. Wer in schwachen Jahren etwas weniger entnimmt und in starken Jahren nachholt, nimmt dem Mechanismus einen Teil seiner Wucht. Die Grundlagen und Grenzen fester Entnahmeregeln behandelt der Beitrag zur 4-Prozent-Regel. Der Preis: weniger Planbarkeit — dein verfügbares Budget schwankt, und das muss dein Leben aushalten können.

3. Grundbedarf aus planbaren Quellen decken

Der wirksamste Hebel ist oft gar keiner am Depot: Je größer der Anteil deiner laufenden Kosten, der durch gesetzliche Rente, Betriebsrente, Mieteinnahmen oder eine lebenslange Rentenzahlung gedeckt ist, desto kleiner ist der Betrag, den du überhaupt aus dem Depot ziehen musst — und desto weniger kann eine schlechte Reihenfolge anrichten. Der erste Schritt dazu ist, die Lücke sauber zu berechnen, statt sie zu schätzen. Der Preis: Planbare Quellen sind in der Regel weniger flexibel und ertragsschwächer als ein breit investiertes Depot.

4. Risiko vor dem Übergang schrittweise anpassen

Wenn die kritische Phase absehbar ist, lässt sich der Anteil, der für die ersten Ruhestandsjahre gebraucht wird, über mehrere Jahre in ruhigere Bahnen bringen — schrittweise, nicht an einem Stichtag. Wie man dabei vorgeht, steht im Beitrag zum Umschichten vor der Rente. Der Preis, und das ist der ehrlichste Satz dieses Artikels: Weniger Schwankung bedeutet auch weniger Ertragschance. Es gibt keinen kostenlosen Schutz, sondern nur eine bewusste Entscheidung darüber, welches Risiko du lieber trägst — Schwankung heute oder Kaufkraftverlust über 25 Jahre.

Du kannst die Reihenfolge nicht wählen, aber du kannst wissen, wie empfindlich dein Plan darauf reagiert. Genau das rechnet der Ruhestands-Cashflow-Check aus: 13 Fragen in rund drei Minuten, kostenlos, Vermögen nur in Bändern, ohne Renditeannahme und ohne Simulation. Du bekommst unter anderem deine monatliche Ruhestandslücke, die Reichweite deiner Liquiditätsreserve in Monaten und deine rechnerische Entnahmerate als Spanne — die drei Größen, an denen sich zeigt, ob ein schwacher Start dich trifft oder nur ärgert.

Häufige Fragen

Betrifft mich das Renditereihenfolge-Risiko auch im Sparplan?

In der Ansparphase wirkt der Effekt genau umgekehrt. Wer regelmäßig einzahlt, kauft in schwachen Jahren zu niedrigeren Kursen mehr Anteile — frühe schwache Jahre sind für einen Sparplan rechnerisch eher günstig, solange du die Einzahlungen durchhältst. Erst wenn aus Einzahlungen Entnahmen werden, dreht sich das Vorzeichen: Dann verkaufst du in schwachen Jahren mehr Anteile, statt mehr zu kaufen.

Sollte ich vor dem Ruhestand alles in sichere Anlagen umschichten?

Das tauscht ein Risiko gegen ein anderes. Wer komplett aus schwankenden Anlagen aussteigt, hat das Reihenfolge-Problem entschärft, muss die Kaufkraft aber über einen Ruhestand tragen, der 25 Jahre und länger dauern kann — dafür braucht es in der Regel einen Teil, der wachsen kann. Üblicher ist deshalb ein gestaffelter Aufbau: die nächsten Jahre planbar und schwankungsarm, der lange Horizont weiter investiert. Wie das konkret aussieht, hängt von deinen planbaren Einkünften, deinem Zeithorizont und deiner Belastbarkeit ab.

Wie viele Jahre vor dem Ruhestand sollte ich anfangen, darauf zu achten?

Eine feste Zahl gibt es nicht, aber der Blick lohnt sich, sobald der Ruhestand in Sichtweite ist — in der Praxis etwa fünf bis zehn Jahre vorher. Der Grund ist nicht Eile, sondern Handlungsspielraum: Wer früh anfängt, kann Puffer und Struktur über mehrere Jahre aufbauen und ist nicht darauf angewiesen, das ausgerechnet in einer schwachen Marktphase in einem Schritt zu tun.

Christopher Hellermann
Christopher Hellermann Zertifizierter Finanzanlagenfachmann · Kaufmann für Versicherungen & Finanzen · Geschäftsführer der Hellermann Asset Management GmbH. Bekannt aus über 150 YouTube-Videos zu Finanzthemen.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information (Stand: August 2026) und ersetzt keine individuelle Anlage-, Steuer- oder Versicherungsberatung. Das Rechenbeispiel ist konstruiert und enthält keine Renditeerwartung und keine Prognose. Die Wertentwicklung von Wertpapieren unterliegt Marktschwankungen; Verluste bis hin zum Totalverlust sind möglich.

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