Ratgeber · Ruhestandsplanung

Die 4-Prozent-Regel: was sie taugt — und was sie in Deutschland verschweigt

Keine Faustformel wird in der Ruhestandsplanung so oft zitiert und so selten hinterfragt. Sie stammt aus US-Daten, rechnet vor Steuern und plant für 30 Jahre. Was davon hierzulande trägt — und woran du besser nicht deinen Ruhestand aufhängst.

Woher die Regel kommt

Der Ursprung liegt in den 1990er-Jahren. Der US-Finanzplaner William Bengen wollte wissen, wie viel man einem Depot jährlich entnehmen kann, ohne es vorzeitig aufzubrauchen. Er testete Entnahmepläne gegen historische US-Kapitalmarktdaten — jeden möglichen Startzeitpunkt der Vergangenheit, inklusive der schlechtesten. Kurz darauf untersuchte eine Gruppe von Professoren der Trinity University dasselbe systematisch für verschiedene Aktien-Anleihen-Mischungen. Die Auswertung ging als Trinity-Studie in die Literatur ein.

Die Faustformel daraus ist schnell erzählt: Du entnimmst im ersten Ruhestandsjahr 4 % deines Startkapitals und passt diesen Betrag danach jedes Jahr an die Inflation an — ohne Rücksicht darauf, wie sich das Depot entwickelt. Aus 500.000 € Startkapital werden also 20.000 € im ersten Jahr, im zweiten Jahr derselbe Betrag plus Teuerungsausgleich, und so weiter.

Umgekehrt gelesen ergibt sich die bekannte Zielgröße: Wer 4 % pro Jahr entnimmt, braucht das 25-fache seiner Jahresausgaben als Kapital. 30.000 € Jahresbedarf entsprechen rechnerisch 750.000 €.

Drei Dinge werden bei der Weitergabe fast immer weggelassen — und genau die sind entscheidend:

  • Die Datenbasis ist der US-Kapitalmarkt mit seinen historischen Aktien- und Anleihenrenditen. Sie war im 20. Jahrhundert einer der erfolgreichsten Märkte überhaupt.
  • Der Horizont beträgt 30 Jahre. Nicht 40, nicht „bis zum Lebensende".
  • Das Erfolgskriterium lautet: Das Depot ist nach 30 Jahren nicht leer. Ob am Ende noch nennenswert etwas übrig ist, war nicht die Frage. „Kapitalerhalt" hat die Studie nie versprochen.

Eine historische Auswertung ist außerdem genau das: eine Aussage über die Vergangenheit. Sie beschreibt, was funktioniert hätte, nicht was funktionieren wird.

Warum die Regel hier nicht eins zu eins passt

1. Steuern — die Studie rechnet brutto

Der größte Bruch. In den US-Auswertungen wird vor Steuern entnommen. In Deutschland fällt auf Kursgewinne und Ausschüttungen aus Wertpapieren Abgeltungsteuer in Höhe von 25 % an, dazu der Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer. Bei Aktienfonds und Aktien-ETFs mindert die Teilfreistellung von 30 % die Bemessungsgrundlage: Nur 70 % des Gewinns werden überhaupt herangezogen. Besteuert wird zudem nicht die Entnahme, sondern der darin enthaltene Gewinnanteil — wer Anteile verkauft, entnimmt immer eine Mischung aus eingezahltem Kapital und Gewinn. Der Sparerpauschbetrag von 1.000 € (2.000 € bei Zusammenveranlagung) deckt einen kleinen Teil ab.

Unterm Strich: 4 % brutto sind spürbar weniger netto. Wer 4 % entnimmt und davon leben will, muss die Steuer aus derselben Entnahme mitbezahlen — sie kommt nicht von außen. Wie die Besteuerung beim Entnehmen im Detail funktioniert, steht in ETF-Entnahmeplan und Steuern. Das hier ist allgemeine Information und keine Steuerberatung.

2. Kosten gehen direkt von der Entnahmerate ab

Fondskosten, Depotgebühren, Ordergebühren, gegebenenfalls Vermögensverwaltungsvergütung: Jeder Prozentpunkt an laufenden Kosten reduziert die Rendite und damit den Betrag, den das Depot dauerhaft hergibt — eins zu eins. Ein halber Prozentpunkt Kostenunterschied klingt harmlos, verschiebt aber bei einer Entnahmerate im Bereich weniger Prozent einen erheblichen Anteil des verfügbaren Spielraums. Eine ehrliche Entnahmerechnung beginnt deshalb mit einer Depotanalyse, die die tatsächlichen Kosten offenlegt.

3. Der Zeithorizont ist oft zu kurz gedacht

30 Jahre passen zu einem Ruhestandsbeginn mit 65 bis 67. Wer mit 60 aufhört, plant realistisch für deutlich mehr — und die Lebenserwartung ist ein Durchschnitt, kein Ablaufdatum. Für die Planung zählt nicht, wie alt Menschen im Mittel werden, sondern dass du auch dann noch Geld hast, wenn du deutlich älter wirst. Je länger der Horizont, desto niedriger fällt jede Rate aus, die dieselbe Verlässlichkeit haben soll.

4. Die Reihenfolge der Renditen

Zwei Depots mit identischer Durchschnittsrendite über 25 Jahre können völlig unterschiedlich enden — je nachdem, ob die schwachen Jahre am Anfang oder am Ende lagen. Wer in den ersten Ruhestandsjahren aus einem gefallenen Depot entnimmt, verkauft viele Anteile zu niedrigen Kursen; diese Anteile fehlen dauerhaft für die spätere Erholung. Dieses Muster ist das unterschätzteste Risiko der ganzen Entnahmephase und hat einen eigenen Artikel verdient: Renditereihenfolge-Risiko.

5. Starre Regel gegen echtes Leben

Die Regel unterstellt, dass jemand 30 Jahre lang stur denselben inflationsangepassten Betrag entnimmt — egal ob das Depot 40 % im Minus steht oder sich verdoppelt hat. So verhält sich niemand. Und das ist kein Makel des Menschen, sondern des Modells: Wer in schwachen Jahren etwas zurückfährt, verbessert seine Lage erheblich. Umgekehrt sind Ausgaben im Ruhestand selten konstant — die ersten Jahre sind oft die teuersten, später verschiebt sich der Bedarf von Reisen zu Gesundheit.

Aus der Praxis: Der häufigste Fehler ist nicht die falsche Prozentzahl, sondern der Glaube, dass es überhaupt eine richtige gibt. Jede Pauschalrate — 4 %, 3,5 %, 5 % — trifft eine Annahme über künftige Renditen, Steuern, Kosten und die eigene Lebensdauer. Diese Annahme hat niemand. Wer eine Zahl nennt und sie „sicher" nennt, verkauft Gewissheit, die es an den Kapitalmärkten nicht gibt.

Was stattdessen hilft

Ich nenne dir hier bewusst keine Rate, die „passt" — aus dem Grund im Kasten oben. Was sich in der Planung dagegen bewährt hat, sind vier Denkwerkzeuge:

  • Entnahme als Spanne denken, nicht als Zahl. Eine Bandbreite mit einem unteren und einem oberen Wert bildet die Unsicherheit ab, statt sie zu verstecken. Sie zwingt dich außerdem zur richtigen Frage: Was passiert, wenn es das untere Ende wird?
  • Flexibel entnehmen. Feste Regeln, wann du in schwachen Jahren kürzt — und um wie viel. Vorab festgelegt, nicht im Moment der Panik entschieden. Wer nach einem starken Jahr etwas mehr nimmt und nach einem schwachen etwas weniger, hält deutlich mehr aus als jede starre Formel.
  • Grundbedarf von planbaren Quellen decken. Miete, Strom, Versicherungen, Lebensmittel sollten nach Möglichkeit aus gesetzlicher Rente, Betriebsrente, privater Rente oder Mieteinnahmen kommen. Dann muss das Depot nur den variablen Teil tragen — und du kannst in schlechten Jahren tatsächlich kürzen, ohne dass es weh tut. Wie groß dieser Teil bei dir ist, ergibt sich aus deiner Rentenlücke.
  • Liquiditätspuffer. Ein Polster aus schwankungsarmen Mitteln, aus dem du in Crashjahren entnimmst, statt Anteile zu verkaufen. Wie viel sinnvoll ist und wo es liegen sollte: Liquiditätsreserve im Ruhestand.

Der Ruhestands-Cashflow-Check gibt die rechnerische Entnahmerate genau so aus, wie sie gedacht gehört: als Spanne, nicht als Punktwert — das ist die vierte von fünf Kennzahlen. 13 Fragen, rund drei Minuten, kostenlos, Ergebnis per E-Mail. Vermögen wird nur in Bändern abgefragt, es gibt keine Renditeannahme, keine Simulation und keine Anlageempfehlung. Was die Spanne für deine Situation bedeutet, schauen wir uns anschließend gerne gemeinsam an.

Häufige Fragen

Gilt die 4-Prozent-Regel auch in Deutschland?

Als Denkmodell ja, als Rechengröße nur mit Abstrichen. Die zugrunde liegenden Auswertungen beruhen auf US-Kapitalmarktdaten, einem 30-Jahre-Horizont und einer Betrachtung vor Steuern. In Deutschland kommen Abgeltungsteuer, Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer auf Kursgewinne und Ausschüttungen dazu, außerdem Fonds- und Depotkosten. Wer mit 60 in den Ruhestand geht, plant zudem für deutlich mehr als 30 Jahre. Die Regel taugt als Einstieg ins Größenordnungsdenken, nicht als Entnahmeplan.

Wie viel Kapital brauche ich für 2.000 Euro im Monat?

Nach der Faustformel der Regel: das 25-fache der Jahresausgaben. 2.000 Euro im Monat sind 24.000 Euro im Jahr, also rechnerisch 600.000 Euro Startkapital. Diese Zahl ist eine reine Umkehrung der Vier-Prozent-Annahme und keine Empfehlung. Sie rechnet vor Steuern, ohne Fonds- und Depotkosten und für 30 Jahre. Wer die Abgeltungsteuer auf den Gewinnanteil, laufende Kosten und einen längeren Ruhestand berücksichtigt, landet bei einem höheren Bedarf — wie viel höher, hängt von deiner Steuersituation, deinen Kosten und deinem Zeithorizont ab.

Ist eine höhere Entnahme möglich, wenn ich nur Ausschüttungen entnehme?

Nicht automatisch. Wer nur Ausschüttungen entnimmt, verkauft keine Anteile und ist damit unempfindlicher gegen die Reihenfolge der Renditen — das ist ein echter Vorteil. Die Höhe der Ausschüttungen bestimmst du aber nicht selbst: Sie schwankt, kann gekürzt werden und liegt bei breit gestreuten Portfolios oft unter dem, was jemand monatlich braucht. Wer die Ausschüttungsquote zum Auswahlkriterium macht, verschiebt sein Depot außerdem in bestimmte Branchen und Regionen. Höhere Ausschüttung heißt nicht höhere Gesamtrendite — sie ändert vor allem, in welcher Form das Geld kommt und wann es besteuert wird.

Christopher Hellermann
Christopher Hellermann Zertifizierter Finanzanlagenfachmann · Kaufmann für Versicherungen & Finanzen · Geschäftsführer der Hellermann Asset Management GmbH. Bekannt aus über 150 YouTube-Videos zu Finanzthemen.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information (Stand: August 2026) und ersetzt keine individuelle Anlage- oder Steuerberatung. Genannte Rechenbeispiele sind Beispiele und keine Erwartung; historische Auswertungen lassen keinen Schluss auf künftige Entwicklungen zu. Die Wertentwicklung von Wertpapieren unterliegt Marktschwankungen, Verluste bis hin zum Kapitalverlust sind möglich. Steuerliche Fragen zu deiner persönlichen Situation klärst du mit einem Steuerberater oder dem Finanzamt.

Unverbindlich & kostenlos

Welche Entnahme trägt dein Vermögen? Als Spanne, nicht als Versprechen.