Ratgeber · Ruhestandsplanung

Von Dividenden leben: wie viel Kapital du wirklich brauchst

Die Rechnung im Kopf ist schnell gemacht: gewünschte Ausschüttung geteilt durch Dividendenrendite. Nur fehlen in dieser Rechnung drei Posten, die im Ruhestand über die Hälfte der Differenz zwischen Plan und Realität ausmachen — Steuern, Inflation und die Tatsache, dass Dividenden niemandem versprochen sind.

Die einfache Rechnung — und wo sie zu kurz greift

Die Grundformel für ein Ausschüttungsdepot ist ehrlich gesagt trivial: benötigte Jahresausschüttung geteilt durch die Ausschüttungsrendite ergibt das nötige Kapital. Wer 2.000 € im Monat aus Ausschüttungen decken will, braucht 24.000 € im Jahr. Angenommen — rein als Rechenbeispiel, nicht als Erwartung —, ein Depot schüttet 3 % pro Jahr aus, dann ergibt sich rechnerisch ein Kapitalbedarf von 800.000 €. Bei 2 % Ausschüttungsrendite wären es rechnerisch 1.200.000 €, bei 4 % rechnerisch 600.000 €.

Genau daran sieht man das erste Problem: Die Zahl reagiert extrem empfindlich auf eine Größe, die du nicht kontrollierst. Ein Prozentpunkt weniger Ausschüttungsrendite verschiebt den Kapitalbedarf um Hunderttausende. Und die 24.000 € in dieser Rechnung sind brutto — davon lebt niemand. Bevor Geld auf deinem Konto ankommt, gehen drei Dinge davon ab, die in der Kopfrechnung fast immer fehlen.

Die drei Abzüge, die fast alle vergessen

1. Steuern: aus brutto wird spürbar weniger netto

Ausschüttungen sind Kapitalerträge und werden als solche besteuert. Es fallen 25 % Abgeltungsteuer an, dazu der Solidaritätszuschlag auf die Steuer und, falls du kirchensteuerpflichtig bist, zusätzlich Kirchensteuer. Die Bank behält das in der Regel direkt ein — du siehst also nie die Bruttozahl auf dem Konto.

Zwei Dinge mildern das ab. Erstens die Teilfreistellung: Bei Aktienfonds und Aktien-ETFs sind 30 % der Erträge steuerfrei, weil der Fonds selbst bereits Steuern zahlt — die Bemessungsgrundlage sinkt entsprechend. Zweitens der Sparerpauschbetrag von 1.000 € je Person, bei Zusammenveranlagung 2.000 €. Der klingt nach viel, ist bei einem Depot dieser Größenordnung aber im ersten Quartal aufgebraucht: Bei 24.000 € Jahresausschüttung deckt er nur einen kleinen Bruchteil ab. Vergiss trotzdem nicht den Freistellungsauftrag bei deiner Bank — ohne ihn wird auch dieser Teil besteuert und du holst ihn nur über die Steuererklärung zurück.

Kommt dazu: Bei ausländischen Aktien greift oft eine Quellensteuer im Sitzland des Unternehmens. Ein Teil davon lässt sich auf die deutsche Steuer anrechnen, ein anderer Teil ist nur über ein Rückerstattungsverfahren im Ausland zu holen — mit Formularen, Fristen und je nach Land erheblichem Aufwand. Für die Planung heißt das schlicht: Rechne nicht mit dem Bruttowert, den dir eine Dividendenübersicht anzeigt.

2. Inflation: der Betrag muss mitwachsen

Eine Ausschüttung, die deine Kosten heute deckt, deckt sie in 15 Jahren nicht mehr — nicht weil sie kleiner wird, sondern weil das Leben teurer wird. Ein Ruhestand dauert oft 25 bis 35 Jahre, und in dieser Zeit verliert ein gleichbleibender Eurobetrag laufend Kaufkraft. Das ist keine Prognose, sondern reine Mechanik: Wenn die Preise steigen und deine Ausschüttung nicht, sinkt dein realer Lebensstandard Jahr für Jahr.

Für ein Ausschüttungsdepot bedeutet das: Es reicht nicht, dass die Dividende hoch ist. Sie muss über die Jahre wachsen — und zwar mindestens so schnell wie deine Ausgaben. Genau das leisten Titel mit sehr hoher aktueller Ausschüttung häufig nicht, weil sie kaum noch etwas zurückbehalten, um zu wachsen. Wenn du wissen willst, welche Lücke deine gesetzliche Rente überhaupt lässt, ist der erste Schritt die Rentenlücke — die Ausschüttung muss ja nur den Rest decken.

3. Dividenden sind nicht garantiert

Eine Dividende ist kein Zins und kein Anspruch. Unternehmen kürzen oder streichen sie, wenn die Geschäfte schlecht laufen — und das passiert typischerweise in wirtschaftlich schwierigen Phasen, also genau dann, wenn du das Geld am dringendsten brauchst und die Kurse ohnehin niedrig stehen. Wer seinen kompletten Lebensunterhalt eins zu eins auf die erwartete Ausschüttungssumme legt, hat für dieses Szenario keinen Puffer.

Aus der Praxis: Wenn ein Dividendendepot in der Beratung Probleme macht, liegt es fast nie an der Höhe der Ausschüttung — sondern daran, dass brutto und netto verwechselt wurden und dass es keine Reserve für ein Jahr mit gekürzten Dividenden gab. Der ehrlichste Test ist der einfachste: Rechne deine geplante Ausschüttung einmal nach Steuern durch und ziehe dann gedanklich 30 % ab. Trägt der Plan das noch, ist er robust.

Die Hochdividenden-Falle

Die Dividendenrendite ist ein Bruch: Ausschüttung geteilt durch Kurs. Sie steigt also nicht nur, wenn ein Unternehmen mehr ausschüttet — sondern auch dann, wenn der Kurs fällt. Wer eine Liste nach Dividendenrendite sortiert und oben zugreift, kauft deshalb systematisch überdurchschnittlich viele Unternehmen ein, deren Kurs aus einem Grund gefallen ist. Manchmal ist der Grund harmlos, oft ist er es nicht — und nicht selten folgt der Kürzung der Dividende die Enttäuschung.

Der zweite Punkt wird noch häufiger übersehen: Eine Ausschüttung ist keine geschenkte Zusatzrendite. Am Ausschüttungstag sinkt der Kurs der Aktie beziehungsweise der Anteilswert des Fonds um genau den ausgeschütteten Betrag. Das Geld kommt nicht von außen dazu, es wird aus dem Unternehmen bzw. dem Fondsvermögen herausgenommen und dir überwiesen. Dein Vermögen ist unmittelbar nach der Ausschüttung genauso groß wie vorher — nur liegt ein Teil davon jetzt auf dem Konto statt im Depot. Das ist kein Argument gegen Ausschüttungen, aber ein Argument dagegen, sie als „Zusatzertrag" oben auf die Kursentwicklung zu rechnen.

Ausschüttung oder Anteilsverkauf?

Weil beides letztlich eine Entnahme ist, lässt sich die Frage nüchtern abwägen.

  • Für die Ausschüttung spricht: Das Geld kommt automatisch, ohne dass du aktiv werden musst. Du musst in einem schwachen Börsenjahr keine Anteile zu schlechten Kursen verkaufen. Und psychologisch ist es für viele deutlich leichter, „von den Erträgen" zu leben, als das eigene Depot planmäßig kleiner werden zu sehen.
  • Gegen die Ausschüttung spricht: Du bestimmst die Höhe nicht — sie kommt, wie sie kommt, mal mehr, mal weniger. Du bestimmst auch den steuerlichen Zeitpunkt nicht: Besteuert wird, sobald ausgeschüttet wird, ob du das Geld gerade brauchst oder nicht. Und ein Depot, das konsequent auf hohe Ausschüttung ausgerichtet ist, ist meist schlechter gestreut, weil sich ausschüttungsstarke Titel auf wenige Branchen und Regionen konzentrieren. Ob das bei dir der Fall ist, zeigt eine Depotanalyse ziemlich schnell.
  • Für den Anteilsverkauf spricht: Du entnimmst exakt den Betrag, den du brauchst, zum Zeitpunkt, an dem du ihn brauchst. Steuerlich ist das oft günstiger, weil nur der im Verkauf enthaltene Gewinnanteil besteuert wird und nicht der ganze Betrag — die Details dazu stehen im Artikel zu ETF-Entnahmeplan und Steuern.
  • Gegen den Anteilsverkauf spricht: Er erfordert Disziplin und eine Regel, denn du musst selbst handeln — auch in Jahren, in denen dir nicht danach ist. Und du brauchst einen Puffer, damit du in schwachen Börsenjahren nicht verkaufen musst; wie groß der sinnvollerweise ist, steht im Artikel zur Liquiditätsreserve im Ruhestand.

In der Praxis läuft es bei vielen auf eine Mischung hinaus: Ausschüttungen als Grundeinkommen, Anteilsverkäufe für den Rest, dazu eine Reserve für schlechte Jahre. Entscheidend ist nicht, welche Variante theoretisch überlegen ist, sondern ob du sie über 30 Jahre auch durchhältst.

Was du daraus für deine Planung mitnimmst

Wenn du prüfen willst, wie weit deine Ausschüttungen tatsächlich tragen, brauchst du drei Zahlen: deine monatliche Lücke nach Rente, deine Ausschüttung nach Steuern und deine Reserve für die Jahre, in denen weniger kommt. Genau das rechnet der Ruhestands-Cashflow-Check in 13 Fragen durch — die Ausschüttungsabdeckung nach Steuern ist dort Kennzahl 2, dein Vermögen wird nur in Bändern abgefragt und es wird keine Rendite unterstellt. Was danach kommt, schauen wir uns bei Bedarf gemeinsam an.

Häufige Fragen

Wie viel Kapital brauche ich für 1.000 € Dividende im Monat?

Die Formel lautet: gewünschte Jahresausschüttung geteilt durch die Ausschüttungsrendite deines Depots. Für 1.000 € im Monat sind das 12.000 € im Jahr — und zwar brutto, vor Steuern. Eine belastbare Kapitalzahl ergibt sich daraus erst, wenn du die Ausschüttungsrendite deines konkreten Depots kennst; je niedriger sie ausfällt, desto mehr Kapital ist nötig. Rechne zusätzlich damit, dass von der Bruttoausschüttung nach Abgeltungsteuer, Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer spürbar weniger ankommt — für 1.000 € netto im Monat liegt der Kapitalbedarf entsprechend höher als für 1.000 € brutto.

Sind ausschüttende oder thesaurierende ETFs für den Ruhestand besser?

Beides funktioniert, weil beides auf dasselbe hinausläuft: eine Entnahme. Ausschüttende ETFs liefern Geld automatisch aufs Konto, ohne dass du verkaufen musst — das ist bequem und im Crash psychologisch leichter. Thesaurierende ETFs erfordern einen Verkauf, sind dafür in Höhe und Zeitpunkt steuerbar und steuerlich oft günstiger, weil nur der Gewinnanteil der verkauften Anteile besteuert wird. Welche Variante passt, hängt weniger an der Steuer als daran, wie viel laufenden Aufwand du im Ruhestand betreiben willst.

Muss ich Dividenden in der Steuererklärung angeben?

Bei einem Depot bei einer deutschen Bank wird die Steuer in der Regel direkt einbehalten und abgeführt — damit ist die Sache formal erledigt. Eine Angabe in der Anlage KAP kann sich trotzdem lohnen: etwa wenn dein persönlicher Steuersatz niedrig ist, du deinen Sparerpauschbetrag nicht ausgeschöpft hast, Verluste verrechnet werden sollen oder ausländische Quellensteuer angerechnet werden soll. Bei Depots im Ausland musst du die Erträge selbst erklären. Was in deinem Fall gilt, klärst du am besten mit deinem Steuerberater oder beim Finanzamt.

Christopher Hellermann
Christopher Hellermann Zertifizierter Finanzanlagenfachmann · Kaufmann für Versicherungen & Finanzen · Geschäftsführer der Hellermann Asset Management GmbH. Bekannt aus über 150 YouTube-Videos zu Finanzthemen.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information (Stand: August 2026) und ersetzt keine individuelle Anlage-, Steuer- oder Versicherungsberatung. Alle Rechenbeispiele sind Beispiele und keine Renditeerwartung. Die Wertentwicklung von Wertpapieren unterliegt Marktschwankungen; Ausschüttungen können gekürzt werden oder ausfallen, Verluste sind möglich. Steuerliche Regelungen und Werte können sich ändern und wirken sich individuell unterschiedlich aus — für deinen konkreten Fall sind dein Steuerberater und das Finanzamt zuständig.

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